Was wir sehen, ist Öl. Was wir oft übersehen, ist die Bedeutung dieser Region für die weltweite Versorgung.
Wenn über die Straße von Hormus berichtet wird, denken die meisten Menschen an Öl, Benzin, Diesel oder Kerosin. Das ist verständlich. Doch die Golfregion liefert weit mehr als Energie.
Als ich mich intensiver mit den Folgen der seit Monaten andauernden Blockade der Straße von Hormus beschäftigt habe, war mir selbst nicht bewusst, welche Bedeutung die Region für die weltweite Produktion von Dünger besitzt.
Sie ist zugleich ein zentraler Knotenpunkt für die weltweite Düngemittelversorgung. Große Mengen von Ammoniak, Harnstoff, Phosphat und Schwefel stammen aus den Staaten der Region oder passieren die Straße von Hormus auf ihrem Weg zu den Weltmärkten.
Dabei geht es nicht um ein Nischenprodukt. Dünger gehört zu den wichtigsten Produktionsfaktoren der modernen Landwirtschaft. Schätzungen zufolge hängen je nach Kulturpflanze und Region zwischen 25 und 50 Prozent der Erträge direkt oder indirekt vom Einsatz synthetischer Düngemittel ab.
Damit ist ein erheblicher Teil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion heute direkt oder indirekt von synthetischem Stickstoffdünger abhängig. Wir essen Brot, Nudeln, Reis oder Gemüse, ohne uns diesen Zusammenhang bewusst zu machen. Wir konsumieren Fleisch, doch die Nahrung vieler Nutztiere entsteht erst mit Hilfe von Dünger.
Was wir bei der Hormus-Blockade oft übersehen, sind mögliche Auswirkungen auf Dünger, Ernten und Lebensmittelpreise. Vielleicht ist das wenig überraschend. Was wir sehen oder wahrnehmen, ist oft nur das Ereignis unserer Beobachtung. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgerichtet, ständig komplexe Zusammenhänge zu analysieren. Es sucht nach einfachen Mustern, klaren Ursachen und schnellen Erklärungen. Das spart Energie und ist bis heute ein wichtiger Teil unseres Überlebens.
Gerade deshalb richten wir unsere Aufmerksamkeit oft zuerst auf das Offensichtliche. Die Herausforderung komplexer Systeme besteht jedoch darin, dass wichtige Folgen häufig dort entstehen, wo wir zunächst gar nicht hinschauen.
Ein Blick auf die Fakten:
- Rund ein Drittel des weltweiten Handels mit Düngemitteln und Düngemittelrohstoffen passiert die Straße von Hormus.
- Die Golfregion liefert etwa 30–35 % der weltweiten Harnstoffexporte (Urea, Harnstoff ist ein zentraler Bestandteil von AdBlue) sowie 20–30 % der weltweiten Ammoniakexporte.
- Katar allein steht für rund 14 % des weltweiten Handels mit Harnstoff.
- Die Region liefert zudem etwa 45–50 % des weltweit gehandelten Schwefels – ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Düngemitteln.
- Etwa 20 % des weltweit gehandelten Flüssigerdgases (LNG) passieren ebenfalls die Straße von Hormus. Erdgas ist der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdünger.
- Mehrere Energie- und Düngemittelanlagen in der Golfregion waren von Angriffen, Produktionsunterbrechungen oder Lieferstörungen betroffen.
- Die Preise für Harnstoff sind seit Beginn des Konflikts je nach Markt bereits deutlich gestiegen. Einzelne Referenzmärkte verzeichneten Preissteigerungen von über 20 bis 60 %.
- Besonders abhängig von Importen aus der Golfregion sind Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka sowie zahlreiche afrikanische Staaten.
- Höhere Düngemittelpreise wirken zeitverzögert auf die Lebensmittelpreise. Gleichzeitig können niedrigere Einsatzmengen von Dünger die Erträge beeinflussen.
- Fachorganisationen wie FAO, IFPRI und internationale Marktbeobachter warnen deshalb nicht nur vor einer Energiekrise, sondern auch vor möglichen Risiken für die weltweite Lebensmittelversorgung.
Plötzlich wird deutlich: Die Straße von Hormus verbindet nicht nur den Rohstoff Öl mit unserem Leben. Sie verbindet auch Dünger mit unseren Feldern, unseren Lebensmitteln und den Preisen in unserem täglichen Warenkorb.
Genau hier könnte einer der größten blinden Flecken der aktuellen Debatte liegen: Die sichtbarsten Ereignisse sind nicht immer die folgenreichsten Entwicklungen. Denn komplexe Systeme reagieren selten dort, wo wir zuerst hinschauen. Genau deshalb entstehen blinde Flecken – nicht aus mangelndem Wissen, sondern aus der Art, wie wir wahrnehmen. Unser Gehirn ist anfällig für diese Muster – es sucht bevorzugt nach einfachen Erklärungen und Lösungsansätzen.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung komplexer Systeme nicht darin, schnelle Antworten zu finden – sondern darin, gemeinsam die richtigen Fragen zu stellen.
© Marita Kühne, 4. Juni 2026