Doch wer redet über Resilienz, machbare Lösungen und neue Wege?
Seit Monaten stauen oder verzögern sich vor der Straße von Hormus Öl, Gas und Düngemittel. Für viele Unternehmen bedeutet das längere Wege, höhere Kosten und die Frage, wie lange bestehende Lieferketten noch funktionieren.
Ein großer Düngemittelhersteller aus den Vereinigten Arabischen Emiraten Fertiglobe stand vor einem Problem: Warten oder handeln? Er organisierte Lastwagen.
Vielleicht zeigt dieses Beispiel besser als jedes Lehrbuch, was Resilienz wirklich bedeutet. Viele Menschen verbinden Resilienz mit Durchhaltevermögen. Doch oft besteht Resilienz nicht darin, länger durchzuhalten. Sondern darin, loszulassen. Loszulassen von der Vorstellung, dass die alte Lösung zurückkehren wird.
Das Unternehmen Fertiglobe wartete nicht auf eine politische Lösung. Es wartete nicht auf bessere Nachrichten. Es wartete nicht darauf, dass alles wieder normal wird. Es organisierte Lastwagen. Die neue Route ist teurer. Die Umschlagszeiten haben sich verdoppelt. Der Aufwand ist erheblich größer als zuvor. Und trotzdem läuft die Produktion weiter.
Auch die jüngsten Gespräche und Absichtserklärungen zwischen den USA und dem Iran deuten bislang nicht auf eine einfache Rückkehr zur alten Normalität hin. Im Raum stehen Transitgebühren, Genehmigungen und neue Rahmenbedingungen für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus.
Das ist kein Einzelfall. Die Maßnahmen des Unternehmens „Fertiglobe“ stehen für einen größeren Trend in der gesamten Region. Seit die jüngsten Konflikte die Verwundbarkeit globaler Lieferketten sichtbar gemacht haben, handeln Staaten und Unternehmen der Region inzwischen nicht mehr so, als sei die Rückkehr der alten Verhältnisse die wahrscheinlichste Option.
Das ist Resilienz in der Praxis.
Saudi-Arabien verlagert einen wachsenden Teil seiner Exporte über die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer. Die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen verstärkt den Hafen von Fujairah am Golf von Oman als alternative Exportroute außerhalb der Straße von Hormus. Auch in anderen Staaten der Region werden neue Transportkorridore, Hafenverbindungen und Infrastrukturprojekte diskutiert oder vorangetrieben. Statt auf die Rückkehr alter Bedingungen zu warten, entstehen bereits neue Verbindungen und neue Routinen. Genau darin zeigt sich Resilienz: nicht im Festhalten am bisherigen Weg, sondern im Finden neuer Wege.
Ist das Zufall?
Nein!
Viele Regionen der Welt leben seit Jahrzehnten mit Unsicherheit. Politische Spannungen, schwankende Märkte, unterbrochene Handelswege oder neue Rahmenbedingungen gehören dort zum Alltag. Wer unter solchen Bedingungen wirtschaftet, kann nicht darauf warten, dass Probleme verschwinden oder vom Staat übernommen werden. Er muss lernen, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Vielleicht entsteht Resilienz genau dort: Nicht aus Sicherheit. Sondern aus der Erfahrung, dass Sicherheit nie selbstverständlich war. Resilienz bedeutet nicht, dass alles bleibt wie bisher. Resilienz bedeutet, dass wir neue Wege finden, wenn die alten nicht mehr funktionieren. Und zwar nicht irgendwann, sondern dann, wenn sie gebraucht werden. Handeln garantiert keinen Erfolg. Aber es ist ein Ausdruck von Handlungsfähigkeit und eröffnet Möglichkeiten.
Vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis für unsere Zeit. Wir leben in einer Welt, die immer komplexer wird. Lieferketten verändern sich. Märkte verändern sich. Technologien verändern sich. Gesellschaften verändern sich. Kriege und Krisen verändern Beziehungen.
Und trotzdem reagieren viele Menschen auf Veränderungen mit derselben Hoffnung: „Wann wird alles wieder so wie früher?“ Vielleicht ist das eine berechtigte Frage. Die spannendere Frage könnte aber lauten: „Welche neuen Wege entstehen gerade und wer baut sie?“ Genau dort beginnt Resilienz. Nicht mit der Hoffnung auf die Rückkehr der alten Normalität, sondern mit der Bereitschaft, neue Wege zu erkennen und auszuprobieren.
Der Kern einer Krise ist deshalb oft nicht das Wissen um die Krise, sondern der Moment, in dem Menschen, Unternehmen und Gesellschaften beginnen, neue Wege zu bauen. Im arabischen Raum sind es sogar ganz wörtlich neue Wege – neue Transportwege.
Am Ende zeigt sich Resilienz oft nicht in der perfekten Lösung, sondern im Mut zu handeln. Der verstorbene Krefelder Unternehmer Gerd Wellen sagte einmal: „Ich bin ein Unternehmer, kein Unterlasser.“
© Marita Kühne, 18. Juni 2026